Samstag, 4. Mai 2019

LAX⁵

Robert Lax in PHOTO MATCH
LAX⁵

Fünf Editionen plus einer Zugabe (deutsch/englisch) von und mit Robert Lax (1915 – 2000) in einem Schuber, herausgegeben von Hartmut Geerken mit bisher unveröffentlichten Materialien, Audio-CDs, Filmen, Notizen, Briefen, Fotos und Poemen.

Robert Lax wurde 1915 bei New York als Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich geboren. Schon früh gehörte er der literarischen Szene in New York an, arbeitete für Zeitschriften wie ‚The New Yorker‘ & ‚Time‘, beim Rundfunk & beim Film. Nach dem Krieg wohnte er ein paar Jahre in Paris. Sein Pazifismus brachte ihn dazu, eine eigene Zeitschrift herauszugeben: „PAX“. Matisse, Chagall, Léger, Breton, Genet, Kerouac, e. e. cummings, Ernesto Cardenal: ein paar Persönlichkeiten nur, die für „PAX“ Beiträge lieferten. Von einer Reise nach Griechenland ist Robert Lax dann 1961 nicht mehr nach USA zurückgekehrt: ein früher Aussteiger, dessen Beispiel bis heute immer wieder Menschen zur Nachahmung anregt. (Sigrid Hauff)

LAX⁵ enthält:

# 1 BOB´S BOMB
Ein interaktives Hörspiel von Hartmut Geerken zu einem Szenario von Robert Lax.
„ich gehe zurück in die jahre 1944/45 & überlebe ab meinem fünften lebensjahr über fünfzig bombenangriffe auf stuttgart. 1961 schreibt der amerikanische dichter robert lax einen sehr rudimentären text mit dem titel ‚the bomb. scenario for auditorium‘. im februar 1993 sagte lax zu mir: „damals in new york dachten wir alle über die (atom-)bombe nach“.1967 erlebe ich während des ‚siebentagekriegs‘ bomben auf ägypten, 1978 dasselbe in afghanistan.“ (Hartmut Geerken)
Audio-CD (46:35 min)

# 2 PHOTO MATCH
„eine wichtige gemeinsame konzeptaktion mit robert lax war der „photo-match“ in einem kleinen, von hohen mauern umschlossenen innenhof eines hauses auf der insel patmos. wie ein mandala stand das senkrecht aufragende mikrofon zwischen uns. wir bewegten uns, in vier metern entfernung gegenüberstehend im uhrzeigersinn um das mikrofon herum und fotografierten uns abwechselnd.“
Aufzeichnung der Kameraauslösergeräusche, Audio-CD (11:25 min)

friendly silent sky (Nachricht von Lax)

# 3 THE HILL
„Wir – Hartmut Geerken und ich - haben Robert Lax immer wieder mit unseren Freunden zusammengebracht, mit Kostas Yiannoulopoulos, dem ‚Jazz-Papst‘ Griechenlands, mit Sun Ra und seinem Arkestra, zu dessen Athener Konzert er extra von Patmos anreiste, mit Herbert Achternbusch, dem Maler, Filmemacher und Autor, mit herman de vries, dem Künstler, der in seinen Kunstwerken die Natur zu Wort kommen lässt, mit Klaus Ramm und  Jörg Drews, den Organisatoren des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie, zu dem Hartmut den minimalistischen Dichter Lax mitnahm, mit Nicolaus Humbert und Werner Penzel, den Filmemachern, mit Herbert Kapfer, dem Leiter der Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunk. 
Projekte erwuchsen daraus: Lesungen im Rahmen des Bielefelder Colloquium Neue Poesie in Bielefeld, Athen und Zürich. Veröffentlichungen in der eschenau summer press von herman de vries, die Filme von Humbert/Penzel why should I buy a bed when all I want is sleep und three windows, und eine Anzahl von Hörspielen von Hartmut Geerken (bob’s bomb, erwartet bobo sambo ein geräusch? erwartet er eine stille?,  the family) und von mir die dreiteilige Sendefolge a line in three circles, die innere biografie des robert lax, die auch als Buch erschienen ist. 
Eine Geste der Verehrung - seinen Sohn nannte Herbert Kapfer Robert.
Ein Abend mit Herbert Achternbusch in Ambach endete mit der einzigen negativen Bemerkung von Robert Lax in vielen Jahren: von destruktiven Menschen halte man sich besser fern. Ich habe diesen Rat lange nicht ernst genommen.“
(Sigrid Hauff)
Robert Lax liest „The Hill“.
MP3-CD in drei Teilen (I – 1:33:38 min, II – 1:27:28 min., III – 1:18:00 min)

# 4 LAX LISTENS
ein jahrzehntelang vergessener videofilm ist plötzlich aus den tiefen des archivs aufgetaucht. eine unbewegte kamera zeigt den amerikanischen dichter robert lax beim erstmaligen anhören meines hörspielgeschenks „erwartet bobo sambo ein geräusch? erwartet er eine stimme?“ zu seinem 75. geburtstag. (Hartmut Geerken)
DVD (20:58 min.)

# 5 TWO CLOWNS ON THE LAKE
„…wir reden, gehen & filmen gleichzeitig, wir tanzen umeinander herum & bob fühlt sich offensichtlich in seine zirkuszeit ende der 40er jahre zurückversetzt, wo er beim circus cristiani in der manege den clown spielte.“ (Hartmut Geerken)
DVD (6:32 min)

WASTE BAGS 
Rekonstruktion von Robert Lax Archivsystem. Faltkarton mit einem Foto von Leila Rouge und einem Text von Geerken. Signiert und nummeriert von Geerken.

LAX⁵

Five editions plus an encore (German / English) by and with Robert Lax (1915 - 2000) in a slipcase, edited by Hartmut Geerken with previously unpublished materials, audio CDs, films, notes, letters, photos and poems.

robert lax was born in 1915 near new york, the son of jewish immigrants from austria. soon he belonged to the literary scene in new york and wrote for magazines like „the new yorker“ and „time“ as well as working for radio and film. after the war he lived for a few years in paris. his pacificism brought him to publish his own magazine: „pax“. matisse, chagall, léger, breton, genet, kerouac, e.e.cummings, ernesto cardenal: were just a few of the personalities who contributed articles to „pax“.  then in 1961 robert lax made a trip to greece from which he never returned to the usa: an early dropout who still encourages people who encounter him today to follow his example. (Sigrid Hauff)

LAX LISTENS
LAX⁵ includes:

# 1 BOB´S BOMB
An interactive radio play by Hartmut Geerken on a scenario by Robert Lax.
i go back to 1944/45 when i was five years old and survive all the bomb attacks on stuttgart. 1961 the american poet robert lax writes a very rudimentary text with the title „the bomb. scenario for auditorium“. in february 1993 lax said to me: „back then in new york we all thought about the (atom-) bomb.“ 1967 i experience bombs in egypt during the „seven day war“, 1978 the same in afghanistan. (H.G.)
Audio-CD (46:35 min)

# 2 PHOTO MATCH
an important action of concept art was the „photo-match“ with robert lax which took place in a small inner courtyard on the island of patmos. the vertically rising microphone stood between us like a mandala. we moved clockwise around the microphone, taking turns to photograph each other. (H.G)
Audio-CD (11:25 min)

# 3 THE HILL
We - Hartmut Geerken and I - repeatedly brought Robert Lax together with our friends. With Kostas Yiannoulopoulos, the ‚Jazzking‘ of Greece, with Sun Ra and his Arkestra, who he travelled from Patmos to see at his concert in Athens. With the painter, filmmaker and author Herbert Achternbusch, with herman de vries, the artist who lets nature speak through his works, with Klaus Ramm and Jörg Drews, the organisers of the Bielefelder Colloquiums Neue Poesie, to which Hartmut took Lax, the minimalist poet. With Nicolaus Humbert and Werner Penzel, the filmmakers, with Herbert Kapfer the director of the radio play department of the Bayerischer Rundfunk. 
Projects were developed: readings in Bielefeld, Athens and Zurich as part of the Bielefelder Colloquium Neue Poesie. Publications in the eschenau summer press by herman de vries, the films by Humbert/Penzel why should I buy a bed when all I want is sleep and three windows, and a number of radio plays by Hartmut Geerken (bob’s bomb, erwartet bobo sambo ein geräusch? erwartet er eine stille?, the family) and my three part radio feature series “a line in three circles, the inner biography of Robert lax”, which also appeared as a book. As a gesture of admiration Herbert Kapfer named his son Robert. An evening with Herbert Achternbusch in Ambach ended with the only negative remark from Robert Lax in all the years: you better keep away from destructive people. For a long time I didn’t take this advice seriously. (S.H.)
Robert Lax reads „The Hill“
MP3-CD in three parts (I – 1:33:38 min, II – 1:27:28 min., III – 1:18:00 min)

# 4 LAX LISTENS
a film which had been forgotten for decades, suddenly surfaced out of the depths of the archive. a steady shot shows the american poet robert lax as he listens to my radio play present for his 75th birthday for the first time. (H.G.)
DVD (20:58 min.)

# 5 TWO CLOWNS ON THE LAKE
… we smirk, make grimaces, talk, walk and film at the same time, we dance around each other and obviously bob feels as if he is back in his circus tent at the end of the forties… (H.G.)
DVD (6:32 min)

TWO CLOWNS ON THE LAKE

WASTE BAGS
Reconstruction of Robert Lax archive system. Folding carton with a photo of Leila Rouge and a text by Geerken. Signed and numbered by Geerken.

Hybriden-Verlag
Series: Bookart
Edition: 100 copies, signed & numbered
99,99 €

Delivery to overseas 10 € extra
Appears on the 8th of May
Shipping from May 20th

Samstag, 27. April 2019

Helmut Mayer (1928 – 2019)

Helmut Mayer, 2013 (Frankfurter Buchmesse)

Laut Traueranzeige starb der Sammler und Philosoph Helmut Mayer am 18. April 2019 in Berlin. Merkwürdigerweise träumte ich zu diesem Zeitpunkt von einer Begegnung mit ihm. Wie immer trafen wir uns in einem Café oder Restaurant und es war ausgesprochen heiter und freundlich. Helmut Mayer war im Traum ungefähr 40 Jahre alt. 

Unsere regelmässigen Treffpunkte in den letzten 13, 14 oder 15 Jahren: das Wiener Café in Schmargendorf. Alteingesessener Neureichen- und Prominenten-Treff mit Halbwelt-Note. Hier verabredeten wir uns jahrelang bis zu einem Nachmittag im April 2016, an dem mir eine ganze Laptoptasche samt Ausweispapieren, Kreditkarten, Smartphone, Hausschlüssel und Künstlerbücher geklaut wurde. (Darunter auch ein Exemplar „Übermalung von Adolf Hitler“).

Als nächsten Treffpunkt wählten wir das Café im Schlosshotel Grunewald aus. Hier war es viel ruhiger als im Wiener Café, aber die Halbwelt war noch präsenter.

Zuletzt trafen wir uns regelmässig auf der Terrasse des Restaurants Machiavelli am Roseneck mit wunderbaren Blick auf dem Grunewald. Perfekt für uns, was Ruhe, Räumlichkeit und gastronomisches Angebot anging.

Und wir hatten noch Pläne: eine Fahrt nach Röcken zur Nietzsche-Gedenkstätte in Sachsen-Anhalt. Das war noch im Herbst 2017.

Helmut Mayer hatte immer Pläne. Und allmählich kannte ich seinen Lebensrhythmus: Ende Januar Mozartwoche in Salzburg. März: Leipziger Buchmesse. Im Sommer: Metzingen, Literaturarchiv Marbach, Sils-Maria, Nietzsche-Symposium oder philosophische Seminare in Lech. Im Oktober: Frankfurter Buchmesse. Und wenn er in Berlin war, war er immer unterwegs: Philosophische Vorträge, Dichterlesungen, Vernissagen, Konzerte, Buchmessen. Er ging morgens aus dem Haus und kehrte erst am Abend zurück. 

Im Scherz sagte ich einmal zu seiner Frau Gisela: „Wenn er nicht mehr unterwegs sein kann, wird er wahrscheinlich tot umfallen.“ Ich konnte mir einen Helmut Mayer, der nicht mehr reist, Künstler und Ausstellungen besucht, zu Kant, Hegel und Nietzsche nicht mehr recherchiert, einfach nicht vorstellen. Und dennoch schien es seit Ende letzten Jahres so zu sein. 

Er verließ das Haus nicht mehr selbstständig. Im November hatte ich die Idee, die „Schwarzen Hefte“ von Martin Heidegger für ihn als Künstlerbuch zu gestalten. Ich fand einen Index, den ich auf 750 Seiten generierte. Er besteht aus allen Begriffen, alphabetisch geordnet, die in den „Schwarzen Heften“ erscheinen sind. Jeder kann damit seinen eigenen Martin Heidegger erzeugen. Dazu zeichnete ich mit Goldstift auf schwarzem Papier und Leinen. Das beigelegte Blatt trägt den Titel „Heidegger für Heiden“. Es ist eigentlich ein typisches Helmut-Mayer-Buch. 

Eine Reaktion darauf habe ich nicht mehr von ihm bekommen. Seiner Sammler-Leidenschaft konnte er nicht mehr nachgehen. 

Ich bin froh, dass im letzten Jahr noch sein Band in der Reihe „Die Kunst des Sammelns“ erscheinen konnte und sein Neffe Dietmar Mayer ein Werk mit Beiträgen von über 70 Künstlerinnen und Künstler als Hommage an den Sammler zu seinem 90. Geburtstag zusammen getragen hat. Das sind nur kleine Ausschnitte, keine abschliessenden Repräsentationen. Eigentlich müsste man erst jetzt über ihn ausführlicher schreiben. 

Ohne ihn zu treffen, wollte ich weiter mit Helmut Mayer kommunizieren. Ich dachte daran, ihm philosophische Nachrichten mit Zeichnungen zukommen zu lassen. Natürlich ganz altmodisch als Brief. Vor drei Tagen begann ich mit einer Serie von Zeichnungen für das neue Diarium: Dazu schrieb ich Sätze von Philosophen ab. Gestern hatte ich die zweite Serie abgeschlossen. Die erste zitiert Arthur Schopenhauer: „Je mehr Gedankenstriche in einem Buch, desto weniger Gedanken.“ Danach folgt Kant: „Die Sinne betrügen nicht, weil sie gar nicht beurteilen.“ Heute kam die Nachricht von seinem Tod. Es fehlen noch drei weitere Serien. 

DIARIUM 4/2018

According to the obituary, the collector and philosopher Helmut Mayer died on 18 April 2019 in Berlin. Strangely enough, at this time I dreamed of meeting him. As always we met in a cafe or restaurant and it was extremely cheerful and friendly. Helmut Mayer was in my dream about 40 years old.

Our regular meeting places in the last 13, 14 or 15 years: Wiener Café in Schmargendorf. Long-established new oak and celebrity meeting with demimonde touch. Here we met for years until one afternoon in April 2016, when I was stolen a whole laptop bag including identity papers, credit cards, smartphones, house keys and artist books. (Including a copy "Overpainting Adolf Hitler").

As the next meeting point we chose the café in the Schlosshotel Grunewald. Here it was much quieter than in the Wiener Café, but the demimonde was even more present.

Most recently, we met regularly on the terrace of the restaurant Machiavelli by the  Roseneck with a wonderful view of the Grunewald. Perfect for us, what peace, space and gastronomic offer.

And we still had plans: a trip to Röcken to the Nietzsche memorial in Saxony-Anhalt. That was in the fall of 2017.

Helmut Mayer always had plans. And gradually I knew his rhythm of life: end of January Mozart Week in Salzburg. March: Leipzig Book Fair. In summer: Metzingen, Marbach Literature Archive, Sils-Maria, Nietzsche Symposium or philosophical seminars in Lech. In October: Frankfurt Book Fair. And when he was in Berlin, he was always on the move: philosophical lectures, poetry readings, vernissages, concerts, book fairs. He left the house in the morning and did not return until the evening.

In a joke I once said to his wife Gisela: "If he can no longer be on the road, he will probably drop dead.“ I could not imagine a Helmut Mayer, who no longer travels, visiting artists and exhibitions, no longer researching Kant, Hegel and Nietzsche. And yet it seemed like that since the end of last year.

He no longer left the house on his own. In November, I came up with the idea to design Martin Heidegger's "Black Notebooks" for him as an artist's book. I found an index that I generated on 750 pages. It consists of all the terms, arranged in alphabetical order, that appear in the "Black Notebooks". Anyone can thus create his own Heidegger. For this I drew with gold pen on black paper and linen. The attached sheet bears the title "Heidegger for Gentiles". It's actually a typical Helmut Mayer book.

I did not get any reaction from him anymore. He could no longer pursue his collector's passion.

I am glad that last year his volume could be published in the series "The Art of Collecting" and that his nephew Dietmar Mayer also composed a work with contributions from over 70 artists as a tribute to the collector on his 90th birthday has worn. These are only small extracts, no final representations. Actually, you would have to write about him in more detail now.

Without meeting him, I wanted to continue to communicate with Helmut Mayer. I thought about sending him philosophical messages with drawings. Of course quite old-fashioned as a letter. Three days ago I started with a series of drawings for the new Diary: I wrote sentences by philosophers. Yesterday I finished the second series. The first quotes Arthur Schopenhauer: "The more dashes in a book, the less thoughts." Then follows Kant: "The senses do not cheat, because they do not judge." Today came the news of his death. There are still three more series missing.



Freitag, 12. April 2019

Anna Hoffmann, Leverin



Anna Hoffmann, Leverin

„Schöne Geschichte, sehr atmosphärisch, genau hingeschaut, impressionistisch und meta gleichzeitig, lyrisch (wen wundert´s?). Man sieht, hört und riecht die Situationen, die Interieurs, die Gegend. Ich kenne zwar Leverin nicht, aber ich kenne Leverin. Und ich kenne die Leute nicht, aber ich kenne die Leute. Also: Well done, feiner Text…" 
(Thomas Wörtche)

Text von Anna Hoffmann mit sechs Zeichnungen von Hartmut Andryczuk.



Anna Hoffmann, Leverin

"Beautiful story, very atmospheric, looked closely, impressionist and meta at the same time, lyrical (who wonders?). One sees, hears and smells the situations, the interiors, the area. I do not know Leverin, but I know Leverin. And I do not know the people, but I know the people. Well, well done, fine text ... "
(Thomas Wörtche)

Text by Anna Hoffmann with six drawings by Hartmut Andryczuk.

Hybriden-Verlag
Series: MMM-EXTRA NR. 35
Edition: 30 copies
350 €

Merkur



Ulrich Woelk, Merkur

„Sie hatten den Merkurboden systematisch angebohrt und in der Tiefe mit Ultra-schallsonden nach Eis gesucht. In einem kleinen Permaschattenkrater mit dem seltsamen Namen Lady Gaga waren sie schließlich fündig geworden. Fünfzehn Meter unter der Oberfläche stießen sie auf einen Eisflöz und entnahmen ihm eine Probe. Deren chemische Analyse ergab für den Flöz ein Alter von sagenhaften vier Milliarden Jahren. Damit schlugen sie vergleichbare Eisab-lagerungen auf dem Mond oder Enceladus um ein paar hundert Millionen Jahre. Dieses Wasser, gerieten meine Gastgeber ins Schwärmen, stammte aus der absoluten Frühzeit des Sonnensystems, gleichsam aus seiner Embryonalphase, als noch Aber-milliarden von Staub-, Fels-, und Eisbrocken um die Sonne schwirrten und durch permanente Kollisionen zu den heutigen Planeten verklumpten. Und nachdem sie mir das alles erklärt hatten, öffneten sie die Flasche und gossen mir ein Glas von dem uralten Wasser ein. Das vermutlich älteste Getränk, das ich vordem zu mir genommen hatte, war ein ziemlich schwerer Château-Mao, Jahrgang '84, gewesen, den mein Großvater zu seinem Hundertsten entkorkt hatte. Ich überlegte eine Sekunde, ob vier Milliarden Jahre altes Wasser überhaupt noch genießbar war, aber die Wissenschaftler machten nicht den Eindruck, als wollten sie mich vergiften. Ich trank also artig das Glas aus und nickte. Das Wasser hatte geschmeckt wie – Wasser. Erstaunlich, dachte ich, woran Wissenschaftler so ihre Freude haben.“



Text von Ulrich Woelk mit zehn Zeichnungen von Hartmut Andryczuk.



Ulrich Woelk, Mercury

"They had systematically drilled the mercury bottom and searched for depths with ultrasound probes for ice. In a small shadow crater with the strange name Lady Gaga they had finally found something. Fifteen feet below the surface, they struck an ice seam and sampled it. Their chemical analysis revealed that the seam was an incredible four billion years old. They beat comparable ice deposits on the moon or Enceladus by a few hundred million years. This water, my hosts swarmed, came from the very early days of the solar system, as it were from its embryonic phase, when still billions of dust, rock, and ice churned around the sun and clumped by permanent collisions to the present planet. And after explaining everything to me, they opened the bottle and poured me a glass of the ancient water. Probably the oldest drink I'd ever eaten had been a rather heavy Château-Mao, vintage '84, which my grandfather had uncorked to his hundredth. For a second, I wondered if four billion years old water was even edible, but scientists did not seem to want to poison me. So I drank the glass nicely and nodded. The water tasted like - water. Amazing, I thought, what scientists are so happy about. "

Text by Ulrich Woelk with ten drawings by Hartmut Andryczuk.

Hybriden-Verlag
Series: Bookart
Edition: 30 copies
550 €

HEIDEGGER, SCHWARZE HEFTE – EIN INDEX



HEIDEGGER, SCHWARZE HEFTE – EIN INDEX

„Wörterbücher sind deshalb, wenn sie zum Auslegen gebraucht werden, so unentbehrlich, wie sie gefährlich sind.“ 
(Martin Heidegger,1948).

Worte: 37656, Seitenzahl: 740. Originalzeichnungen und Einbandbemalung von Hartmut Andryczuk sowie ein beigelegtes Blatt „Heidegger für Heiden“. 


HEIDEGGER, BLACK STUFF - AN INDEX

"Dictionaries are therefore as indispensable as they are to be used when laying out them, as they are dangerous."
(Martin Heidegger, 1948).

Words: 37656, page number: 740. Original drawings and cover painting by Hartmut Andryczuk and an enclosed sheet "Heidegger for Gentiles".

Hybriden-Verlag
Series: Bookart
Edition: 3 copies
(sold out)





Mittwoch, 20. Februar 2019

Gedankenpfad Laibtätigkeit Aidmann

Die Tödliche Doris
Gedankenpfad Laibtätigkeit Aidmann 


Zu den Aufnahmen, die Nikolaus Utermöhlen in Die Tödliche Doris einbrachte, gehörte die eines alten Tonbands von einem Herrn namens Joseph Pfeuffer. Dieser lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Würzburg und galt den Einwohnern als Verrückter, Einsiedler und Außenseiter. Mehrfach war er schon in die Nervenklinik eingewiesen worden. Sein Fachwerkhaus hatte er von oben bis unten in leuchtenden Farben mit selbst verfassten Gesetzen und Geboten beschrieben. Es sah beeindruckend aus, erinnerte sich Nikolaus. Er sei von Joseph Pfeuffers Phantasie und Eigensinn beeindruckt gewesen. Hin und wieder besuchte er ihn. Er sei nämlich sehr gastfreundlich gewesen. Irgendwann habe Pfeuffer Nikolaus vertrauensvoll eine seiner Tonbandspulen geschenkt. Auf dieser hatte er seine Forderungen und Ultimaten aufgenommen, immer wieder unterbrochen von genauen Zeitangaben. 



Dieses Tonband war nun die Basis des Tracks „Überlieferung Joseph Pfeuffer 3.6.76“, einem Beitrag der Tödlichen Doris für den Sampler „Lieber Zuviel Als Zuwenig“ (ZicZack Sommerhits 81).
Als wir den Beitrag produzierten, war Dagmar Dimitroff spurlos verschwunden. Sie war Teil einer bizarren sektenartigen Gruppe um den ungarischen Künstler Janosch geworden, dem Bruder der Videokünstlerin Vera Body. Seitdem war sie völlig unberechenbar, verpasste Verabredungen und hatte starke Stimmungsschwankungen. Ein paar Wochen zuvor hatten Dagmar, Nikolaus, Tabea und ich noch die Studioaufnahmen für unsere erste LP abgeschlossen, die 1982 erschien. Danach war Dagmar nicht mehr zu erreichen. Wir überlegten, wie wir Kontakt aufnehmen könnten. Wir schätzten ihr kraftvolles Schlagzeugspiel und ihre wunderbare Stimme, die auf „fliegt schnell laut summend“ zu hören ist. Wo war Dagmar?

So sprach ich meinen Suchaufruf in das Mikrophon des Aufnahmestudios in den letzten Sekunden des 2:30 Minuten langen Pfeuffer-Tracks. Dort ertönt ein mehrfaches: „Dagmar melde Dich!“

Wolfgang Müller, 11.1. 2019


Die Tödliche Doris
Gedankenpfad Laibtätigkeit Aidmann

One of the recordings Nikolaus Utermöhlen brought to The Deadly Doris was that of an old tape by a gentleman named Joseph Pfeuffer. He lived in a small village near Würzburg and was considered a madman, hermit and outsider. Several times he had been put into a psychiatry. His half-timbered house he had coloured from top to bottom in bright colors by self-written laws and commandments. He looked impressive, remembered Nikolaus. He was impressed by Joseph Pfeuffer's imagination and obstinacy. Now and then he visited him. He had been very hospitable. At some point Pfeuffer Nikolaus confidently gave one of his tape reels. On this he had recorded his demands and ultimatums, again and again interrupted by exact time statements.

This tape was now the basis of the track "Tradition Joseph Pfeuffer 3.6.76", a contribution of the Deadly Doris for the compilation "Lieber Zuviel Als Zuwenig" (ZickZack summer hits 81).

When we produced the post, Dagmar Dimitroff had disappeared without a trace. She was member of a bizarre sect-like group around the Hungarian artist Janosch, the brother of video artist Vera Body. Since than, she has been completely unpredictable, missed appointments and had fierce mental changes strong mood swings. A few weeks earlier, Dagmar, Nikolaus Tabea, and I had completed the studio recordings for our first LP, which was released in 1982. After that, Dagmar was beyond reach. We thought about how we could get in touch. We appreciated her powerful drumming and her wonderful voice, which can be heard on "fliegt schnell laut summend". Where was Dagmar?

So I spoke my search call into the microphone of the recording studio in the final seconds of the 2:30 minute long Pfeuffer tracks. There is this repeated message: "Dagmar, melde dich!“

Wolfgang Müller, 11.1.2019


Hybriden-Verlag
Series: Elektronikengel
Edition: 100 copies, signed and numbered
(sold out)