Freitag, 4. September 2026

SCHOENBERG

Michael Lentz
SCHOENBERG – HÖRSTÜCK


Textauszug:

MITTE:

Bei aller Tonalität verriet ich mein Komponieren mit zwölf Tönen, die in Beziehung zueinander gesetzt werden, nicht, die Zwölftonreihe der Orgel-Variationen steht vielmehr in Beziehung zu einem tonalen Zentrum, dem d-moll- bzw. dem D-Dur-Dreiklang. 


MUSIK!


MITTE:

Seit dem 1. März 1942 mache ich, wenn es dunkel ist, denselben Spaziergang.

Ich wende mich nach rechts und werde der North Rockingham Avenue zunächst einen knappen Kilometer folgen.

Ich schwebe aus der Tür, ich bin


links:

draußen, vor der Tür.


MITTE:

Ich könnte überfahren werden. Um diese Uhrzeit rechne ich jedoch nicht damit.


links/rechts (versetzt):

Seit dem 1. März 1942 macht er, wenn es dunkel ist, denselben Spaziergang.

Er wendet sich nach rechts und wird der North Rockingham Avenue zunächst einen knappen Kilometer folgen.

Er schwebt aus der Tür, er ist draußen, vor der Tür.

Er könnte überfahren werden. Um diese Uhrzeit rechnet er jedoch nicht damit.


MITTE:

Mein neues Stück sollte ein Melodram werden, ich hatte sofort die Überzeugung, dass es das Entsetzen der Menschen über all jene Verbrechen, die dieser Krieg verursacht, nicht ignorieren darf.

Habe ich also nichts mit Politik zu tun? wie ich noch vor vierzehn Jahren schrieb – und glaube ich nun ernsthaft, dass Kunst politische Vorgänge beeinflusst?


rechts:

Melodram – Musik des Sprechens, melodramatisches Sprechen – eine lange Geschichte. 


(Michael Lentz)


Michael Lentz (Text, Stimme, Gehen, Altsaxophon)

Gunnar Geisse (Musik)

Hartmut Andryczuk (Zeichnungen)


(rechts, MITTE, links: Stereopositionen im Hörraum)



54 Seiten
mit einem zusätzlichen Text von Gunnar Geisse zur Hörspielarbeit mit Michael Lentz
sowie acht großformatigen Zeichnungen von Hartmut Andryczuk

Beilage: Audio-CD zum Hörstück, 52:18 min

Das Hörspiel ist eine Produktion vom Villa Aurora & Thomas Mann House e. V.

Der Text ist eine Erstveröffentlichung.

Autor und Verlag danken für die Möglichkeit der hier vorliegenden Gesamtveröffentlichung.


Auflage: 30 Exemplare, nummeriert und signiert

850 €

Mittwoch, 19. August 2026

WENU MAPU


MMM-DIARIUM 1/2026

WENU MAPU


Diarium von Hartmut Andryczuk vom 1. Februar bis 30. April 2026. Stationen: AI-Götter – Restaurant „Heidelbeere“ nahe der Zahnklinik – Pansinusitis mit endlosen Karnevalssendungen – Ali Mongo (gestorben 2020) – Nobelpreis für Lobotomie – Epikur – Prügelnde Paartherapeuten und Paartherapeutinnen – Siemens iQ 500 mit schwarzem Bullauge – Mirjam Lehnert – Spaziergang zum ältesten chinesischen Restaurant in Berlin – Zahnkronenbruch beim Käsebrotessen – Die 12 Apostel im Grunewald – Die Tödliche Doris, DOSSIER – L* 8, Walkie Talkie – Minerva Hase und Nikita Wolodin – Brauerei Prechtl – Mario Diacono – Elitesoldatin Ditte Jensen – Audioaufnahme für Wolfgang Herrndorf – Jahrhundertkünstler? Notiz zum Tod von Timm Ulrichs und Georg Baselitz

Freddy Flores Knistoff

Künstlerische Originalarbeiten von:

Freddy Flores Knistoff
Egon Günther
Hartmut Robert Andryczuk
Mathias Lyssy
Jorge Herrera Fuentealba

Mathias Lyssy

Auflage: 30 Exemplare, nummeriert
300 Euro

Montag, 27. Juli 2026

Ikfiiqaromiko. Wie bitte!

Ulrich Tarlatt & Hartmut Robert Andryczuk

Ikfiiqaromiko. Wie bitte!



Achtzehn Originalzeichnungen

Ohne Text & Interpretationen

Arbeiten in einer Mappe

Signiert & Nummeriert

Format der Arbeiten: A5




Eighteen original drawings
No text or interpretations
Works in a portfolio
Signed and numbered
Size of the works: A5


Auflage: 8 Exemplare
450 €

Freitag, 17. Juli 2026

Michaela Melián – Straße

Michaela Melián

Straße


Es ist die Nachzeichnung unserer äußeren Welt: Mit einem schwarzen Faden auf weißem Papier, in bloßer Andeutung, ähnlich dem Rest einer Erinnerung, ähnlich dem Rest einer Erinnerung an einen Traum. Manchmal sind die Linien einfach, manchmal sind sie gestisch oder sogar verspielt. Manchmal hängen sie in Schlaufen aus dem Bogen heraus und ändern ihre Form, ändern ihren Verlauf. Dann beginnen sich die Ränder der Bäume zu wölben, dann hängen die Außenwände der Häuser aus dem Bild heraus. Das wäre der zufällige, spontane Anteil des Materials, das wäre der zufällige, spontane Anteil der Geschichte. Alle Linien wurden mit der Nähmaschine gemacht. Die Hände haben ihre Spontanität an die Maschine abgegeben, während die Maschine sich ihre eigene Spontanität nicht verkneifen konnte. Durch ihre Außenlinien wirken Straßen und Häuser und Bäume und Berge stark abstrahiert. Sie bleiben als Außenlinien stehen, die so umrissenen Flächen bleiben leer, im Kopf kann man sie selbst füllen. Das wäre ihre allgemeine Form. Allgemein sind zunächst auch die Motive: Straßen und Häuser und Bäume und Berge kommen überall vor. Gleichzeitig sind diese Zeichnungen von Landschaften aus schwarzem Faden auf weißem Papier dokumentarisch und damit konkret. Sie haben eine reale Referenz, beziehen sich auf reale Straßen und Häuser und Bäume und Berge. Das Blatt Papier, mit seinen oben aufliegenden Fäden und den darunter liegenden Einstichen entspricht der realen Landschaft. Sie beide sind erst geworden, indem sie abgespeichert haben, was ihnen widerfahren ist. Eine bloß natürliche Landschaft gibt es nicht, alle Landschaft ist voller historischer Spuren, manche sind blutig und manche banal. Die meisten Spuren liegen tief und werden erst sichtbar, wenn man von ihnen weiß, wenn man sie freilegt. Spuren verschwinden zwar unter Spuren, aber ganz los wird man sie nicht. Es ist mit ihnen, wie mit ihren Zeichnungen aus schwarzem Faden auf weißem Papier: wenn man die Fäden zieht, dann bleibt die Perforierung. 


Radek Krolczyk



It is the tracing of our outer world: with a black thread on white paper, in mere suggestion, like the remnant of a memory, like the remnant of the memory of a dream. Sometimes the lines are simple, sometimes they are gestural or even playful. Sometimes they hang out of the sheet in loops and change their shape, change their course. Then the edges of the trees begin to curve, then the outer walls of the houses protrude from the image. That would be the accidental, spontaneous aspect of the material; that would be the accidental, spontaneous aspect of the story. All the lines were made with a sewing machine. The hands surrendered their spontaneity to the machine, while the machine could not resist its own spontaneity. Through their outlines, streets and houses and trees and mountains appear highly abstracted. They remain as outlines; the enclosed surfaces remain empty, and in one’s mind one can fill them in oneself. That would be their general form. At first, the motifs are general as well: streets and houses and trees and mountains can be found everywhere. At the same time, these drawings of landscapes made of black thread on white paper are documentary and therefore concrete. They have a real reference; they relate to real streets and houses and trees and mountains. The sheet of paper, with its threads lying on top and the punctures underneath, corresponds to the real landscape. Both came into being only by storing what has happened to them.

A purely natural landscape does not exist; every landscape is full of historical traces, some bloody and some banal. Most traces lie deep beneath the surface and become visible only once one knows about them, once one uncovers them. Traces may disappear beneath other traces, but one can never entirely get rid of them. It is the same with these drawings made of black thread on white paper: when one pulls the threads, the perforation remains.


Radek Krolczyk



Künstleredition, 58 Seiten
mit drei Bildserien von Michaela Melián
Triangel (2002)
Panorama (2003)
Ulrichsschuppen (2024)
Audio-CD von Michaela Melián,
(Hand-Siebdruck, signiert und nummeriert)
Texte von Radek Krolczyk

Hybriden-Verlag, Berlin 

in Zusammenarbeit mit der 

Galerie K’, Bremen 2026


Artist's edition, 58 pages

featuring three series of images by Michaela Melián

Triangle (2002)

Panorama (2003)

Ulrichsschuppen (2024)

Audio CD by Michaela Melián,

(hand-screen-printed, signed and numbered)

Texts by Radek Krolczyk


Hybriden-Verlag, Berlin 

in collaboration with 

Galerie K’, Bremen 2026


Ulrichschuppen (2024)
Auflage: 100 €

Preis: 90 €

(exklusive 8 € Postgebühren in Europa)

cards
Abgewickelt durch paypal

Montag, 8. Juni 2026

Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses

Saber Sadipour

Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses

Herausgegeben von Anna Hoffmann


Mai 2023, Babylon, Irak


In Sichtweite des gestürmten Palastes Saddam Husseins, nah am wieder auf-gemauerten Teil des antiken Babylons sitzen Dichterinnen und Dichter um eine provisorisch aufgebaute Tafel. Das Licht des Nachmittags taumelt mit den Schatten, die die Palmen werfen, über Menschen und Fliegen. Alle essen. Wer eine gemeinsame Sprache gefunden hat, unterhält sich. Der Mann zu meiner rechten im Anzug schweigt und lächelt, schweigt und beobachtet, schweigt und reicht mir das Wasser. 

Sein Haar ist grau, aber alt ist er nicht, 40 plus vielleicht. Über seinem geblümten Hemd leuchtet ein blauer Anzug. Er reicht mir sein Handy, automatisch tippe ich Telefonnummer und meinen Namen ein, wie so oft in diesen Tagen. „We are all Babylonians“ – das 10. Babylon-Festival für Internationale Kulturen und Kunst hat mich an diesen Ort gebracht zu diesen Menschen, die genau wie ich, Gedichte lieben und schreiben. (...)

Im Oktober 2025, er hatte gerade den iranischen Poetry of the Year gewonnen und wollte das gewonnene Renommee nutzen, um eine internationale Anthologie zu publizieren, was im Iran ein Wahnsinnsunterfangen darstellt. Aber er dürstete nach Austausch mit der Welt und fragte mich nach Empfehlungen. Dieser Durst erinnerte mich daran, wie schwierig es zu DDR-Zeiten war, an zeitgenössische internationale Gedichte zu kommen, die sich nicht zu Propagandazwecken missbrauchen ließen. Ich empfahl ihm DichterInnen und ihn bei bekannten Herausgeberinnen von Literaturzeitschriften und Festival-OrganisatorInnen in Europa. 

Am 7. Februar schickte er mir  Gedichte über das, was um ihn herum passierte, mit ihm, mit seinen FreundInnen und Bekannten, im ganzen Land, Gedichte über die Massaker. (...)

Am 11. Februar kam seine letzte Nachricht. Dann hörte ich wochenlang nichts, scrollte nachts durch die Berichte, schrieb ihm, aber es kam keine Antwort durch. 

Ich übersetzte die folgenden Gedichte.

(Anna Hoffmann)

Hinter den Tapeten starten die Raketen

May 2023, Babylon, Iraq

Within sight of Saddam Hussein's stormed palace, near the rebuilt section of ancient Babylon, poets sit around a makeshift table. The afternoon light stumbles across people and flies, mingling with the shadows cast by the palm trees. Everyone is eating. Those who have found a common language converse. The man in the suit to my right remains silent and smiles, remains silent and observes, remains silent and hands me the water.
His hair is gray, but he is not old—perhaps 40-plus. A blue suit glows over his floral shirt. He hands me his phone; automatically, I type in my phone number and my name, as I have done so often these days. "We are all Babylonians"—the 10th Babylon International Festival of Cultures and Arts brought me to this place, to these people who, just like me, love and write poetry. (...)
In October 2025, he had just won the Iranian "Poetry of the Year" award and wanted to use his newfound renown to publish an international anthology, which is a massive undertaking in Iran. But he thirsted for exchange with the world and asked me for recommendations. This thirst reminded me of how difficult it was during GDR times to access contemporary international poems that could not be exploited for propaganda purposes. I recommended poets to him and introduced him to well-known editors of literary magazines and festival organizers in Europe.
On February 7, he sent me poems about what was happening around him, to him, to his friends and acquaintances all over the country—poems about the massacres. (...) On February 11, his last message arrived. Then I heard nothing for weeks, scrolled through reports at night, and wrote to him, but no answer got through.
I translated the following poems. 
(Anna Hoffmann)
Saber Sadipour

Gewehre sind smarte Magier,

verwandeln die einen in Rotkehlchen, andere in Nachtigallen,

lassen Lieder aus Leibern sprudeln, Hits,

Hämoglobin-Melodien lassen die Erdtemperatur ansteigen.


Nie sah ich einen Boden so bodenlos und gleichzeitig schwer bemüht 

die Mütter und Schwestern zu trösten, die die Stirn an ihn legen und singen 

mit den berstenden Fenstern, den Mynas-Vögeln, dem Papagei des Nachbarn.

Und nachts im Takt Parolen.


Wir haben so viele Körper getragen, dass das Blut schwer wurde an unseren Händen,

als hätten wir Meere bewegt.


Blut, auf meiner Brust getrocknet, eine rote Partitur.


Ich wusste nicht, wie man Magier wird.

Die Steine, die wir warfen,

verwandelten niemanden;

ihre Herzen waren Steine.

Unsere Steine waren nur Steine.


Wir hatten nichts als Blut.

Wir verbanden Wunden mit Blut.

Blut war unsere einzige Waffe.

Und Blut war die schwarze Decke über den Körpern meiner Freunde.


Wie von Zauberhand,

zwei waren eins,

Leichnam und Rotkehlchen.


Nachts gehen wir mit leeren Händen raus 

und kommen zurück mit Händen voll Freundesblut.

(Saber Sadipour)
Noch 50 Meter bis zum Sargdiscounter

Edition mit einem Vorwort von Anna Hoffmann
und acht Originalzeichnungen von Hartmut Andryczuk
Gedichte in Deutsch und Persisch
MMM-Extraausgabe Nr. 44
Auflage: 30 Exemplare

450 €

cards
Abgewickelt durch paypal