I The Deadly Doris Manual
2019 wurde ich Direktorin des Hauses der Tödlichen Doris. Ich erhielt einen Schlüssel, der mir Zugang zu einem kleinen Gartenhaus im Innenhof der Lützowstraße 23 in Tiergarten verschaffte. Bei einer feierlichen Eröffnung am 14. Juli durchtrennte ich das rote Band. Das Haus-Team war an allen Fronten engagiert. Im Inneren bügelte der Künstler Wolfgang Müller den Vorhang der Dauerausstellung Natur- und Haushaltskatastrophen. Hauskoch Dirk Schünemann backte rosafarbige Petit Fours mit dem spiegelverkehrten Sparkassen-Symbol von der Tödlichen Doris. Ahmad Hamad war für die Sicherheit am Hauseingang zwischen der Bar Kumpelnest 3000 und dem religiösen Laden Ave Maria verantwortlich. Richard Radzinski war noch in Frankreich und philosophierte aus der Ferne.
Das Haus mit seinen olivfarbenen Fensterläden war bezaubernd. Es bestand aus zwei Räumen. Im Erdgeschoss führte eine kleine Holzleiter zum Dachboden, wo sich seit 1987 Dinge angesammelt hatten. Das Haus war bis zum Rand mit Kisten, Ordnern, Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Büchern, Gitarren und vielen anderen Dingen gefüllt. Ein Haufen Schätze. Zunächst sorgten wir mit maßgefertigten Möbeln für Ordnung. Im unteren Raum stellten wir einen großen Tisch auf, der aus vier Teilen bestand, die einzeln verwendet werden konnten. An diesem Tisch trafen wir uns mit unseren Gästen, tranken Kaffee, aßen Kuchen und führten Gespräche, ganz nach dem Motto von Heinrich von Kleist: „Ideen kommen beim Reden.“ Eine Rekonstruktion des Naturkatastrophenschranks aus den 1980er Jahren, angefertigt vom Künstler Daniel Chluba, diente zur Aufbewahrung des Papierarchivs von Die Tödliche Doris: 33 Ordner mit Dokumentationen, Fotos, Texten, Kompositionen, Notizen und Skizzen. Dieses Material war seit den Anfängen von Doris im Jahr 1980 von Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen sorgfältig zusammengetragen worden.
(A.P.)
I The Deadly Doris Manual
In 2019, I became the director of The House of the Deadly Doris. I received a key that gave me access to a small garden house in the courtyard of Lützowstrasse 23 in Tiergarten. At a festive opening on July 14, I cut the red ribbon. The House-team was engaged on all fronts. Inside, the artist Wolfgang Müller ironed the curtain of the permanent exhibition Natural- and Household Catastrophies. House cook Dirk Schünemann made some pink petit fours with the mirror-inverted Sparkassen symbol of The Deadly Doris. Ahmad Hamad was responsible for the security at the street entrance, in between the bar Kumpelnest 3000 and the religious goods store Ave Maria. Richard Radzinski was still in France, philosophising from a distance.
The House with its olive-coloured shutters was charming. It consisted of two rooms. In the downstairs space, a small wooden ladder led to the attic where things had been accumulating since 1987. The House was filled to the brim with boxes, folders, paintings, drawings, sculptures, installations, books, guitars and many more things. A heap of treasures. First, we introduced order with custom-made furniture. In the downstairs room, we installed a big table, made out of 4 parts that could be used individually. At this table, we met with our guests, drank coffee, ate cake, and had conversations following Heinrich von Kleist’s advice that “ideas come while talking.” A reconstruction of the 1980s Natural Catastrophe Cabinet, made by artist Daniel Chluba, was used to store the paper archive of The Deadly Doris: 33 folders of documentation, photos, texts, compositions, notes and sketches. This material had been carefully collected by Wolfgang Müller and Nikolaus Utermöhlen since Doris’ beginnings 1980.
(A.P.)
II. Monika Reich
Vielleicht ist der geheimnisvollste Teil von Die Tödliche Doris nicht Doris, sondern Monika Reich. Niemand hat Monika Reich jemals getroffen. Die Tödliche Doris stellte Reich als Pressesprecherin ein, und sie arbeitete von zu Hause aus. Als sie in den 1980er Jahren anfing, gab es noch keine sozialen Medien. Es war eine Zeit, in der noch kein Internet existierte. Wenn man heute nach Monika Reich googelt, stößt man auf ein Buch mit dem Titel Finanziell frei. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Buch von unserer Monika Reich geschrieben wurde. Der Untertitel ihres Buches lautet: Wie ich es geschafft habe, mit 45 ohne Geldsorgen zu leben. Das klingt so, als würde Reich nicht mehr in Deutschland leben. Vielleicht ist sie beispielsweise nach Portugal gezogen und folgt damit einem Konzept, das versierte Lebensinvestoren als Geo-Arbitrage bezeichnen. Dabei zieht man an einen anderen Ort, an dem die Lebenshaltungskosten niedriger sind.
(A.P.)
II. Monika Reich
Maybe, the most mysterious part of The Deadly Doris is not Doris but Monika Reich. Nobody has ever met Monika Reich. The Deadly Doris hired Reich as a press agent and she worked in home office. When she started out in the 1980s, there was no social media. It was a time that the internet didn't exist. If you google Monika Reich now, you will come upon a book, entitled Finanziell frei (Financially Free). It is very possible that this is written by our Monika Reich. The subtitle of her book explains: Wie ich es geschafft habe, mit 45 ohne Geldsorgen zu leben (How I managed to live at the age of 45 without financial worries). This sounds like Reich is no longer living in Germany. Maybe she moved, for example, to Portugal, following a concept known by savvy life investors as geoarbitrage. This is when you move to another place where the costs are lower.
III. Galerie Eisenbahnstraße
In den tristen Kellerfluren einer ehemaligen Kohlenhandlung, neben einem Depot für Baubedarf und unterhalb einer Milchbar gelegen, haben Ueli Etter und Mastermind der Tödlichen Doris, Wolfgang Müller, ein unterirdisches Notquartier für’s kulturelle Survival errichtet, dessen Schäbigkeit allerdings jeder Kultiviertheit spottet, Geleitet von herzhafter Konzeptlosigkeit, peitschen die beiden, befristet auf ein Jahr, ihre 25 Klein-Veranstaltungen durch, ohne dabei Spekulationen von „Gesamtkunstwerkelei“ oder „multimediale Sinnesorgien“ zu dulden; auch „kunstauratisches Gedusel“ ist abgemeldet. Stattdessen ein Programm bestehend aus Poems, Konzert, Kulisse, Vision, Handlesekunst und Ausstellung.
(Ursula Frohne, Finale, Wolkenkratzer, 13/1986)
III. Galerie Eisenbahnstraße
“In the dreary basement corridors of a former coal store, next to a depot for building supplies and below a milk bar, Ueli Etter and mastermind of Tödliche Doris, Wolfgang Müller, have set up an underground emergency shelter for cultural survival, The shabbiness of which, however, defies all sophistication. Guided by a hearty lack of concept, the two of them whip through their 25 small events for a limited period of one year, without tolerating speculations of `Gesamtkunstwerkelei´ or `multimedia sensory orgies´; The `art-auratic hustle and bustle´ has also been canceled. Instead, a program consisting of poems, concerts, scenery, visions, palmistry and exhibitions.”
(Ursula Frohne, Finale, Wolkenkratzer, 13/1986)
IV. Wolfgang Müller Talks
UNSOUND: Was würden Sie als Ihre Einflüsse bezeichnen?
Wolfgang Müller: Ich werde von allem beeinflusst, was ich mag oder nicht mag, mehr oder weniger je nach den Umständen.
(Aus einem Kurzinterview: UNSOUND, San Francisco, 1986)
IV. Wolfgang Müller Talks
US: What do you consider your influences?
WM: I’m influenced by anything I like or dislike, more or less according to the circumstances.
(Interview in UNSOUND, San Francisco, 1986)
V. Dagmar Dimitroff’s Personal Transcript
In der Gedenkstätte Hohenschönhausen treffe ich mich mit der Direktorin Elke Stadelmann-Wenz. Wir sprechen über die Verhörprotokolle von Dagmar Dimitroff im Stasi-Archiv in Berlin. „Hat sie die Protokolle unterschrieben?“, fragt mich die Direktorin. Dimitroff hat das getan. Der offizielle Satz lautete wie folgt: „Ich habe das Verhörprotokoll selbst gelesen. Sein Inhalt entspricht in allen Teilen den von mir gemachten Aussagen. Meine Worte sind darin korrekt wiedergegeben.“ Dennoch war die junge Künstlerin hartnäckig und verfasste während ihrer Haftzeit zahlreiche persönliche Aufzeichnungen. Diese sind handschriftlich und klären Fragen, die während der Verhöre angesprochen wurden. Die getippten Protokolle der Verhöre neigten dazu, Worte so zu verdrehen, dass sie zum Diskurs der Staatssicherheit der DDR passten.
Insgesamt verbrachte Dagmar zehn Monate im Gefängnis. Sie war drei Monate in einer Haftanstalt in Pankow inhaftiert, dann vier Monate im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und wurde anschließend in die Jugendstrafanstalt Hohenleuben nach Thüringen gebracht. Während ihrer Haft wurde Dimitroff die DDR-Staatsbürgerschaft aberkannt und sie wurde staatenlos. So kam sie im Sommer 1978 nach West-Berlin und wurde einige Jahre später, 1981 Mitglied der Band Die Tödliche Doris. Sie spielte Schlagzeug, sang „fliegt schnell laut summend“, entwarf Cocktailkleider für Doris und trat auf dem legendären Festival der Genialen Dilettanten auf.
(A.P.)
V. Dagmar Dimitroff’s Personal Transcript
At the Gedenkstätte Hohenschönhausen I meet with director Elke Stadelmann-Wenz. We talk about the interrogation records of Dagmar Dimitroff in the Stasi Records Archive in Berlin. “Did she sign the records?” the director asks me. Dimitroff did. The official sentence was the following: “I read the transcript of the interrogation myself. Its content corresponds in all parts to the statements made by me. My words are correctly reproduced in it.” Yet, the young artist was stubborn and wrote plenty of personal records during her time in prison. They are handwritten and clarify issues that were talked about during the interrogations. The typed protocols of the interrogations tended to twist words to fit the discourse of GDR’s State Security.
In total, Dagmar spent ten months in prison. She stayed for three months at a detention center in Pankow, followed by four months at the Stasi prison Hohenschönhausen after which she was brought to the juvenile detention center Hohenleuben in Thüringen. During her incarceration, Dimitroff was released from GDR citizenship and became stateless. This is how, in the summer of 1978, she arrived in West-Berlin and a few years later, in 1981, she became part of The Deadly Doris, playing drums, singing fliegt schnell laut summend (fly quickly, buzzing loudly), drawing cocktail dresses for Doris and performing on stage at the legendary Festival of Ingenious Dilettantes.
(A.P.)
VI. Niki, Nicky, Niccy, Nik
Nikolaus Utermöhlen war vielleicht der Ruhigste in der Tödlichen Doris, wie wir in Wolfgang Müller Talks gesehen haben. Aber er nahm auf andere Weise Raum ein, indem er beispielsweise seinen Namen in alle Richtungen vervielfachen ließ: Nik, Nicky, Niccy, Niki. Ufermöler, Ufermöhlen, Utermöhlen, Vermöhlen. Die falsche Schreibweise seines Namens gefiel dem Künstler. Im Archiv der Tödlichen Doris fand ich einige Seiten aus Utermöhlens Kalender, die seine vielen Talente zeigen, vom Schreiben von Partituren bis zum Entwerfen von Kostümen. Es ist kein Jahr angegeben, aber eine kurze Suche im Internet ergibt, dass Mittwoch, der 18. Januar, im Jahr 1984 war, besser bekannt als das ominöse Jahr aus George Orwells Roman 1984.
1984 war das Jahr, in dem Ronald Reagan eine zweite Amtszeit gewann, die indische Premierministerin Indira Gandhi ermordet wurde und die Gefahr eines Atomkrieges greifbar war. Es war auch das Jahr, in dem das AIDS-Virus entdeckt und öffentlich bekannt gemacht wurde. 1996 starb Nikolaus Utermöhlen, von seinen Freunden Niki genannt, im Alter von 38 Jahren an den gesundheitlichen Komplikationen, die dieses Virus mit sich brachte.
(A.P.)
VI. Niki, Nicky, Niccy, Nik
Nikolaus Utermöhlen might have been the quiet one in The Deadly Doris, as we saw in Wolfgang Müller Talks. But he took up space in other ways, for example by letting his name multiply in all directions: Nik, Nicky, Niccy, Niki. Ufermöler, Ufermöhlen, Utermöhlen, Vermöhlen. The misspelling of his name was something the artist enjoyed. In the archive of The Deadly Doris, I found a few pages of Utermöhlen’s calendar, which show his many talents, from writing musical scores to designing costumes. There is no year indicated but a quick search on the web reveals that Wednesday, January 18, was in 1984, better know as the ominous year of George Orwell’s novel Nineteen Eighty-Four.
1984 was the year when Ronald Reagan won a second term, the Indian Prime Minister Indira Gandhi was assassinated, and the threat of nuclear war was palpable. It was also the year that the AIDS virus was discovered and made public. In 1996, at the age of 38, Nikolaus Utermöhlen, or Niki for friends, died of the health complications that this virus brought about.
Ephemera: Ticket Delphi-Filmpalast (14. Juli 1985) – Multiple
Sechs Bände im Schuber, 248 Seiten, viele farbige Abbildungen
Herausgegeben von An Paenhuysen.
Coverzeichnungen von An Paenhuysen
Ephemera: Ticket Delphi-Filmpalast (14. Juli 1985) – Multiple,
signiert und nummeriert von Wolfgang Müller
Auflage: 100 Exemplare, nummeriert und signiert
(Versand in EU-Raum gratis. Nicht-EU-Länder pauschal: 20 € zusätzlich)
Edition: 100 copies, numbered and signed
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