Saber Sadipour
Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses
Herausgegeben von Anna Hoffmann
Mai 2023, Babylon, Irak
In Sichtweite des gestürmten Palastes Saddam Husseins, nah am wieder auf-gemauerten Teil des antiken Babylons sitzen Dichterinnen und Dichter um eine provisorisch aufgebaute Tafel. Das Licht des Nachmittags taumelt mit den Schatten, die die Palmen werfen, über Menschen und Fliegen. Alle essen. Wer eine gemeinsame Sprache gefunden hat, unterhält sich. Der Mann zu meiner rechten im Anzug schweigt und lächelt, schweigt und beobachtet, schweigt und reicht mir das Wasser.
Sein Haar ist grau, aber alt ist er nicht, 40 plus vielleicht. Über seinem geblümten Hemd leuchtet ein blauer Anzug. Er reicht mir sein Handy, automatisch tippe ich Telefonnummer und meinen Namen ein, wie so oft in diesen Tagen. „We are all Babylonians“ – das 10. Babylon-Festival für Internationale Kulturen und Kunst hat mich an diesen Ort gebracht zu diesen Menschen, die genau wie ich, Gedichte lieben und schreiben. (...)
Im Oktober 2025, er hatte gerade den iranischen Poetry of the Year gewonnen und wollte das gewonnene Renommee nutzen, um eine internationale Anthologie zu publizieren, was im Iran ein Wahnsinnsunterfangen darstellt. Aber er dürstete nach Austausch mit der Welt und fragte mich nach Empfehlungen. Dieser Durst erinnerte mich daran, wie schwierig es zu DDR-Zeiten war, an zeitgenössische internationale Gedichte zu kommen, die sich nicht zu Propagandazwecken missbrauchen ließen. Ich empfahl ihm DichterInnen und ihn bei bekannten Herausgeberinnen von Literaturzeitschriften und Festival-OrganisatorInnen in Europa.
Am 7. Februar schickte er mir Gedichte über das, was um ihn herum passierte, mit ihm, mit seinen FreundInnen und Bekannten, im ganzen Land, Gedichte über die Massaker. (...)
Am 11. Februar kam seine letzte Nachricht. Dann hörte ich wochenlang nichts, scrollte nachts durch die Berichte, schrieb ihm, aber es kam keine Antwort durch.
Ich übersetzte die folgenden Gedichte.
(Anna Hoffmann)
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| Hinter den Tapeten starten die Raketen |
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| Saber Sadipour |
Gewehre sind smarte Magier,
verwandeln die einen in Rotkehlchen, andere in Nachtigallen,
lassen Lieder aus Leibern sprudeln, Hits,
Hämoglobin-Melodien lassen die Erdtemperatur ansteigen.
Nie sah ich einen Boden so bodenlos und gleichzeitig schwer bemüht
die Mütter und Schwestern zu trösten, die die Stirn an ihn legen und singen
mit den berstenden Fenstern, den Mynas-Vögeln, dem Papagei des Nachbarn.
Und nachts im Takt Parolen.
Wir haben so viele Körper getragen, dass das Blut schwer wurde an unseren Händen,
als hätten wir Meere bewegt.
Blut, auf meiner Brust getrocknet, eine rote Partitur.
Ich wusste nicht, wie man Magier wird.
Die Steine, die wir warfen,
verwandelten niemanden;
ihre Herzen waren Steine.
Unsere Steine waren nur Steine.
Wir hatten nichts als Blut.
Wir verbanden Wunden mit Blut.
Blut war unsere einzige Waffe.
Und Blut war die schwarze Decke über den Körpern meiner Freunde.
Wie von Zauberhand,
zwei waren eins,
Leichnam und Rotkehlchen.
Nachts gehen wir mit leeren Händen raus
und kommen zurück mit Händen voll Freundesblut.
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| Noch 50 Meter bis zum Sargdiscounter |
Edition mit einem Vorwort von Anna Hoffmann



