Montag, 8. Juni 2026

Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses

Saber Sadipour

Heutzutage gehört ein Sarg zur Grundausstattung jedes Hauses

Herausgegeben von Anna Hoffmann


Mai 2023, Babylon, Irak


In Sichtweite des gestürmten Palastes Saddam Husseins, nah am wieder auf-gemauerten Teil des antiken Babylons sitzen Dichterinnen und Dichter um eine provisorisch aufgebaute Tafel. Das Licht des Nachmittags taumelt mit den Schatten, die die Palmen werfen, über Menschen und Fliegen. Alle essen. Wer eine gemeinsame Sprache gefunden hat, unterhält sich. Der Mann zu meiner rechten im Anzug schweigt und lächelt, schweigt und beobachtet, schweigt und reicht mir das Wasser. 

Sein Haar ist grau, aber alt ist er nicht, 40 plus vielleicht. Über seinem geblümten Hemd leuchtet ein blauer Anzug. Er reicht mir sein Handy, automatisch tippe ich Telefonnummer und meinen Namen ein, wie so oft in diesen Tagen. „We are all Babylonians“ – das 10. Babylon-Festival für Internationale Kulturen und Kunst hat mich an diesen Ort gebracht zu diesen Menschen, die genau wie ich, Gedichte lieben und schreiben. (...)

Im Oktober 2025, er hatte gerade den iranischen Poetry of the Year gewonnen und wollte das gewonnene Renommee nutzen, um eine internationale Anthologie zu publizieren, was im Iran ein Wahnsinnsunterfangen darstellt. Aber er dürstete nach Austausch mit der Welt und fragte mich nach Empfehlungen. Dieser Durst erinnerte mich daran, wie schwierig es zu DDR-Zeiten war, an zeitgenössische internationale Gedichte zu kommen, die sich nicht zu Propagandazwecken missbrauchen ließen. Ich empfahl ihm DichterInnen und ihn bei bekannten Herausgeberinnen von Literaturzeitschriften und Festival-OrganisatorInnen in Europa. 

Am 7. Februar schickte er mir  Gedichte über das, was um ihn herum passierte, mit ihm, mit seinen FreundInnen und Bekannten, im ganzen Land, Gedichte über die Massaker. (...)

Am 11. Februar kam seine letzte Nachricht. Dann hörte ich wochenlang nichts, scrollte nachts durch die Berichte, schrieb ihm, aber es kam keine Antwort durch. 

Ich übersetzte die folgenden Gedichte.

(Anna Hoffmann)

Hinter den Tapeten starten die Raketen

May 2023, Babylon, Iraq

Within sight of Saddam Hussein's stormed palace, near the rebuilt section of ancient Babylon, poets sit around a makeshift table. The afternoon light stumbles across people and flies, mingling with the shadows cast by the palm trees. Everyone is eating. Those who have found a common language converse. The man in the suit to my right remains silent and smiles, remains silent and observes, remains silent and hands me the water.
His hair is gray, but he is not old—perhaps 40-plus. A blue suit glows over his floral shirt. He hands me his phone; automatically, I type in my phone number and my name, as I have done so often these days. "We are all Babylonians"—the 10th Babylon International Festival of Cultures and Arts brought me to this place, to these people who, just like me, love and write poetry. (...)
In October 2025, he had just won the Iranian "Poetry of the Year" award and wanted to use his newfound renown to publish an international anthology, which is a massive undertaking in Iran. But he thirsted for exchange with the world and asked me for recommendations. This thirst reminded me of how difficult it was during GDR times to access contemporary international poems that could not be exploited for propaganda purposes. I recommended poets to him and introduced him to well-known editors of literary magazines and festival organizers in Europe.
On February 7, he sent me poems about what was happening around him, to him, to his friends and acquaintances all over the country—poems about the massacres. (...) On February 11, his last message arrived. Then I heard nothing for weeks, scrolled through reports at night, and wrote to him, but no answer got through.
I translated the following poems. 
(Anna Hoffmann)
Saber Sadipour

Gewehre sind smarte Magier,

verwandeln die einen in Rotkehlchen, andere in Nachtigallen,

lassen Lieder aus Leibern sprudeln, Hits,

Hämoglobin-Melodien lassen die Erdtemperatur ansteigen.


Nie sah ich einen Boden so bodenlos und gleichzeitig schwer bemüht 

die Mütter und Schwestern zu trösten, die die Stirn an ihn legen und singen 

mit den berstenden Fenstern, den Mynas-Vögeln, dem Papagei des Nachbarn.

Und nachts im Takt Parolen.


Wir haben so viele Körper getragen, dass das Blut schwer wurde an unseren Händen,

als hätten wir Meere bewegt.


Blut, auf meiner Brust getrocknet, eine rote Partitur.


Ich wusste nicht, wie man Magier wird.

Die Steine, die wir warfen,

verwandelten niemanden;

ihre Herzen waren Steine.

Unsere Steine waren nur Steine.


Wir hatten nichts als Blut.

Wir verbanden Wunden mit Blut.

Blut war unsere einzige Waffe.

Und Blut war die schwarze Decke über den Körpern meiner Freunde.


Wie von Zauberhand,

zwei waren eins,

Leichnam und Rotkehlchen.


Nachts gehen wir mit leeren Händen raus 

und kommen zurück mit Händen voll Freundesblut.

(Saber Sadipour)
Noch 50 Meter bis zum Sargdiscounter

Edition mit einem Vorwort von Anna Hoffmann
und acht Originalzeichnungen von Hartmut Andryczuk
Gedichte in Deutsch und Persisch
MMM-Extraausgabe Nr. 44
Auflage: 30 Exemplare

450 €

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