Montag, 20. April 2020

Ulrich Woelk, Mars

Ulrich Woelk
Mars



Tagsüber verbringe ich die meiste Zeit auf dem Aussichtsdeck. Durch das riesige Panoramafenster hat man einen perfekten Blick auf die Marsoberfläche, und ich muss sagen, es ist wirklich beeindruckend, dort unten die ersten Meere auftauen und entstehen zu sehen. In der Gegend des Äquators, wo die Tagestemperaturen mittlerweile beinahe ganzjährig um die 25 Grad liegen (nachts fallen sie allerdings noch regelmäßig unter Null), bilden sich neue Gewässer aus den Unmengen von Eis, die unter dem Marsboden seit mehr als drei Milliarden Jahren eingefroren sind. Manche Buchten und Lagunen leuchten bereits so blau wie die Karibik, während andere offenbar noch sehr schlammig sind und rötlich-braun glänzen.

Hier und da versinken verlassene Städte, die die ersten Siedler vor fast zweihundert Jahren aus Unwissenheit auf den unterirdisch verborgenen Eisflözen errichtet haben, in den geschmolzenen Wassermassen. Im Gegenzug entstehen neue, leuchtende Metropolen auf den Hochebenen und Bergen. In einem großen Saal unter dem Panoramadeck läuft in einer Endlosschleife ein toll gemachtes historisches Hologrammvideo, das die beeindruckende Entwicklung des Mars vom eisigen Hungerplaneten zum prosperierenden Planetenprimus in den vergangenen fünfzig Jahren dokumentiert. Als Erdenbewohner kann man auf die Tatkraft und den Optimismus, der all dem zugrunde liegt, eigentlich nur neidisch sein. Bei einem Glas Wein in der nach einem der beiden Marsmonde benannten Phobos-Bar habe ich – sozusagen als meine erste Amts-handlung als Planetenschreiber – ein kleine literarische Arbeit, mehr eine Fingerübung, angefertigt, ein kurzes Gedicht: 

Mars, du hast es besser
Als unsere Erde, die kalte,
Hast neue schöne Gewässer
und kaum noch ‘ne Gletscherspalte.
Dich stören keine Grenzen,
Weil‘s noch keine gibt.
Bleibt nur noch zu ergänzen:
Ich bin in dich verliebt.

Buch als Leporello 
(Vorderseite: Text von Ulrich Woelk, 
Rückseite mit 11 Zeichnungen von Hartmut Andryczuk).



Ulrich Woelk
Mars

During the day, I spend most of my time on the observation deck. The huge panoramic window gives you a perfect view of the surface of Mars, and I have to say, it is really impressive to see the first seas thawing and emerging down there. In the area of ​​the equator, where daytime temperatures are now around 25 degrees almost all year round (although they still regularly drop below zero at night), new waters are formed from the vast amount of ice that has been frozen under the Martian soil for more than three billion years . Some bays and lagoons already shine as blue as the Caribbean, while others are apparently still very muddy and shine reddish-brown.

SELFIE AUF DER ROTELTERRASSE

Here and there, abandoned cities, which the first settlers built out of ignorance on the underground hidden seams of ice almost two hundred years ago, sink into the molten water. In return, new, shining metropolises emerge on the plateaus and mountains. In a large hall under the panorama deck, a great historical hologram video runs in an endless loop, documenting the impressive development of Mars from the icy hunger planet to the prospering planetary primrose in the past fifty years. As an earth dweller, you can only be jealous of the energy and optimism that underlies all of this. Over a glass of wine in the Phobos bar named after one of the two Martian moons, I did - as it were my first official act as a planetary writer - a little literary work, more a finger exercise, a short poem:

Mars, you're better off
When our earth, the cold,
Have new beautiful waters
and hardly a crevasse anymore.
No limits bother you
Because there are none yet.
The only thing left to add is:
I'm in love with you.

Book as Leporello
(Front: Text by Ulrich Woelk,
Back with 11 drawings by Hartmut Andryczuk).

Series: Planetenschreiber Nr. 2
30 copies
650 €

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